Vitorchiano, wo Vulkangestein Geschichten schreibt

12. bis 14. Januar 2022

Am nächsten Morgen führt uns die Reise zu einem aussergewöhnlichen Städtchen, das seine Einzigartigkeit bereits von weitem preisgibt. Vitorchiano thront auf gewaltigen, kegelförmigen Felsblöcken aus vulkanischem Gestein – den berühmten Peperino-Felsen, die dieser Region ihren charakteristischen Stempel aufdrücken.

Von den Osterinsel nach Vitorchiano

Die erste Besonderheit zeigt sich bereits beim Anblick des Ortes. Die zweite – eine heilige Moai-Statue, die einzige ihrer Art ausserhalb der Osterinsel – wartet in unmittelbarer Nähe unseres Stellplatzes. Von der dritten Besonderheit erzählen wir später.


Morgendliche Begegnungen

Der neue Tag beginnt mit einem Spaziergang mit Jason und Shadow. Das gefrorene Herz am Brunnen verrät, dass die Nacht kälter war, als wir im warmen Wohnmobil gespürt haben. Auf unserem Spaziergang kommen wir an verschiedenen Grundstücken vorbei, in denen die örtliche Hundegemeinde lebhaft auf unsere Anwesenheit reagiert. Die meisten bellen uns energisch an – wenig begeistert von den fremden Eindringlingen.

Nur ein grosser Molosser scheint nach seinem Warnruf regelrecht erfreut über die Abwechslung. Als wir weitergehen, wirkt er fast enttäuscht. Am nächsten Tag läuft er uns bereits freundschaftlich entgegen – ein charmanter Bursche, dessen Fotos wir so bearbeiten, dass ohne störende Gitter und Schatten ins rechte Licht gerückt wird.

Eintritt in eine andere Welt

Eine Brücke verbindet unseren Stellplatz mit dem Städtchen auf der anderen Seite des steilen Tals. Hier gibt es sogar so etwas wie ein Trottoir – eine Seltenheit auf dem italienischen Land. Durch die Porta Romana, den einzigen Zugang zum Ort (abgesehen vom modernen Durchbruch für den Fussweg aus dem Tal), betreten wir Vitorchiano.

Der antike Wassergraben, der die Mauern umgibt, lässt erahnen, dass hier einst eine Zugbrücke den Zugang kontrollierte. Kaum haben wir das Tor passiert, nimmt uns das Dörfchen in seinen Bann. Eine andere Welt tut sich auf – geprägt von dunklem Peperino-Gestein, dessen gerade Kanten und Fronten sich deutlich von den weicheren Steinen anderer Orte unterscheiden.

Das geheimnisvolle Valle delle Sculture

Nach unserem Rundgang suchen wir nach dem Weg ins Tal – eine Aufgabe, die sich als kniffliger erweist als gedacht. Obwohl das Handy uns versichert, am richtigen Ort zu sein, entdecken wir nur durch Zufall, dass der Zugang unterhalb der Strasse liegt, auf der wir stehen.

Auf dem Abstieg passieren wir die kleine Chiesa della Madonna dell’Arrotino aus dem Jahr 1555. Ein Blick durch die Gitterstäbe am Fenster zeigt ihr schlichtes Inneres.

Am Talgrund erwartet uns ein faszinierender Anblick: Steinfiguren aus Peperino-Gestein, geschaffen von lokalen Steinmetzen, bevölkern die Landschaft. Lange lagen diese Skulpturen achtlos unter Brombeerhecken gestapelt, bis sie im Mai 2017 wiederentdeckt, gereinigt und restauriert wurden. Nun stehen sie hier wie stumme Zeugen vergangener Kunstfertigkeit. Unter den rätselhaften Gestalten entdecken wir eine schwangere Frau, doch viele Figuren geben ihre Bedeutung nicht so leicht preis.

Umwege und goldene Belohnungen

Statt denselben Weg zurückzugehen, entscheiden wir uns für einen Aufstieg auf der anderen Talseite. Dabei wollen wir auch die Wallfahrtskirche „Santuario di San Michele Arcangelo“ aus dem Jahr 1358 besuchen, eine ehemalige Einsiedelei. Doch dort endet abrupt der Weg – sowohl die Kirche als auch der weitere Pfad sind versperrt.

Es bleibt uns nichts anderes übrig als umzukehren und verlieren damit auch gleich wieder die mühsam gewonnenen Höhenmeter, die wir dann auf der gegenüberliegenden Talseite wieder erklimmen müssen.

Für unsere Anstrengungen werden wir jedoch reichlich durch die Hauswände belohnt, die im Abendlicht golden schimmern, Nach einem letzten Blick in die Chiesa di Santa Maria Assunta, kehren wir zurück zu unserem Wohnmobil. Gerade noch rechtzeitig bevor die Dämmerung hereinbricht.

Vitorchiano hat uns mit seiner geologischen Einzigartigkeit, seinen künstlerischen Schätzen und seiner mittelalterlichen Atmosphäre verzaubert.

© Womocanis.ch
Womocanis.travel.blog


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