Orgosolo – wenn Bilder Geschichte erzählen *

23. November 2023

Abreise vom Weingut

Diesmal verzichten wir auf den Weg durch die Reben und nehmen stattdessen die gut ausgebaute Strasse nach Mamoiada. Keine Ahnung, weshalb uns das Navi auf dem Hinweg über diesen Naturweg mit der schmalen Brücke geführt hat. Aber so hatten wir wenigstens etwas zu erzählen und Dieter noch ein Gläschen Wein

Orgosolo kommt in Sicht

Im Herzen Sardiniens liegt Orgosolo, ein kleiner Ort, der sich zu einem der faszinierendsten Freilichtmuseen Europas entwickelt hat. Bereits bei unserem ersten Besuchsversuch vor einigen Jahren waren wir neugierig auf die berühmten Murales, doch die Realität holte uns schnell ein: überfüllte Strassen, keine Parkplätze für unser grosses Wohnmobil und eine zugeparkte Spitzkehre mitten im Ort, die zur echten Herausforderung wurde und nur rückwärts fahrend zu bewältigen war. Die Lust auf Kultur war uns danach gründlich vergangen.

Diesmal haben wir mehr Glück!

Tatsächlich: Die Kommune hat clever nachgebessert. Die Verkehrsführung wurde verbessert, wir dürfen mit unserem Gefährt wie schon an anderen Orten entgegen der Fahrtrichtung durch die Einbahnstrasse fahren und müssen nicht wie die PKW in die enge Gasse abbiegen. Auch ein zentrumsnaher Parkplatz ist schnell gefunden. Um die Jahreszeit hat es hier nur wenige Besucher, und das ist ein echter Vorteil. Im Sommer, wenn die Touristenbusse anrollen, fühlt man sich hier wahrscheinlich wie beim Basler Morgenstreich: dicht gedrängt und kaum Zeit, die Kunst richtig zu würdigen. Wie anders es sein kann, wenn man den richtigen Moment erwischt, zeigen die Bilder in diesem Artikel

Lange müssen wir nicht nach den ersten Bildern suchen. Denn bereits bei der Durchfahrt haben uns die ersten Murales begrüsst. Und so geht es auch bei unserem rund zweieinhalbstündigen Spaziergang durch das Städtchen weiter: ein Bild folgt auf das andere.

Erinnerungen

Gleich zu Beginn unseres Spaziergangs führt uns der Weg zu der Spitzkehre von damals. Zum Glück sind wir diesmal zu Fuss unterwegs, denn auch heute ist der Platz mit Autos zugeparkt, so dass ein Befahren der Kurve wie beim letzten Mal nicht möglich gewesen wäre.

Murales – eine Stadt erzählt ihre Geschichte

Und so verwandeln heute über 200 Wandgemälde Orgosolo in eine begehbare Geschichtsstunde: Die Murales erzählen vom Leben und der Politik der Insel, von legendären Banditen, blutigen Familienfehden und dem Widerstandsgeist der Sarden. Ende der 1960er Jahre begannen die Bewohner einen bemerkenswerten Kampf: Sie wehrten sich erfolgreich gegen die NATO-Pläne, ihr jahrhundertealtes Weideland als Truppenübungsplatz zu nutzen. Dieser gemeinsame Widerstand schweisste die Gemeinschaft zusammen und wurde zum Ausgangspunkt für die erste künstlerische Bewegung.

So entstand das erste Murales in jenen bewegten Sechzigerjahren. 1975 kam der entscheidende Impuls: Ein Zeichenlehrer malte gemeinsam mit seinen Schülern anlässlich des 30. Jahrestages des Partisanenkampfes gegen den Faschismus weitere Bilder auf die Hauswände. Was als Geschichtsstunde begann, entwickelte sich zu einer Tradition. Seitdem werden die Murales kontinuierlich ergänzt – von lokalen Themen bis hin zu weltpolitischen Ereignissen. Selbst die Anschläge vom 11. September 2001 fanden ihren Platz an den Wänden Orgosolos.

Die Kunst Orgosolos in Ruhe erleben

Unser zweieinhalb Stunden dauernder Spaziergang wird zu einer Entdeckungsreise. Ein Bild folgt auf das andere, jedes erzählt seine eigene Geschichte, alle zusammen ergeben ein faszinierendes Gesamtbild sardischer Identität. Besonders schön: Wir sind praktisch allein unterwegs und können die Kunstwerke in aller Ruhe studieren und fotografieren.

Wir sind am höchsten Punkt des Städtchens angekommen.

Von hier aus geht es langsam den Weg zurück. Aber auch hier lassen wir uns Zeit, um all die schönen Murales zu bewundern.

Am Ende dürfen Lenny und Shadow noch ein wenig Posen bevor es durch den unteren Teil des Städtchens zurück zum Wohnmobil geht.

Nach diesen intensiven Stunden steht fest: Der Ausflug nach Orgosolo hat sich absolut gelohnt. Wer die Gelegenheit hat, sollte dieses einzigartige Kunstprojekt unbedingt besuchen, am besten in der ruhigeren Jahreszeit, wenn die Bilder Raum zum Wirken haben. Genau das machen nun hoffentlich auch unsere Bilder.

© Womocanis.ch
Womocanis.travel.blog


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